Der Lotse geht von Bord

WINDSBACH (25. Juni 2018). Was haben der langjährige Konzertagent des Knabenchores und Otto von Bismarck gemeinsam?

 
 
 
 
Nichts. Und doch kommt einem vielleicht die (historisch nicht ganz korrekte) Bildunterschrift zu jener berühmten Karikatur in den Sinn, die den früheren deutschen Reichskanzler beim Verlassen eines Schiffes zeigt. Der Untertitel in der am 29. März 1890 erschienen Ausgabe des britischen Journals „Punch“ lautete: „Der Lotse geht von Bord.“ Lammers‘ Rückzug beruht allerdings nicht auf einem Zerwürfnis wie bei Bismarck und seinem Kaiser, sondern auf der bewussten Entscheidung, beruflich in Zukunft kürzer zu treten. Bedauerlicherweise geht nun also dieser „Lotse“, der lange Jahre erfolgreich dafür sorgte, dass der Knabenchor auf den wichtigsten Konzertpodien im In- und Ausland gleichsam vor Anker gehen konnte, von Bord. Im Interview blickt Delf Lammers auf sein Wirken in Windsbach zurück.
 
14 Jahre haben Sie das Management des Windsbacher Knabenchores verantwortet. Wie Sind Sie dazu gekommen?
 
Ich war ja selbst mal Mitglied des Windsbacher Knabenchores und habe hier 1988 Abitur gemacht. Und am 1. August 2004 nahm ich dann meine Tätigkeit als Agent des Chores auf. Dazwischen liegen 16 Jahre, in denen ich mit meiner Opern- und Konzertagentur immer wieder Sänger auch an den Knabenchor vermittelt hatte. Als sich der Chor von seinem damaligen Management getrennt hatte, bat mich Karl-Friedrich Beringer als Künstlerischer Leiter des Knabenchores, diese Aufgabe für eine Saison zu übernehmen. Daraus sind jetzt 14 geworden…
 
Also sozusagen ein wenig „back to the roots“. War das damals etwas Besonderes? Vielleicht auch die Möglichkeit, dem Chor durch seine Arbeit für ihn etwas zurückzugeben? Denn man leistet während seiner Zeit als Windsbacher nicht nur Beachtliches, sondern bekommt ja auch unheimlich viel geschenkt.
 
Das mit dem Zurückgeben stimmt auf jeden Fall, denn ich habe Windsbach einiges zu verdanken. Nachdem ich aus der DDR geflüchtet war, habe ich hier im Internat Platz gefunden, konnte das Abitur machen. Und das war schon mal sehr schön als Einstieg in die neue, freie Welt. Musikalisch erlebte ich hier auch ganz großes Kino.
 
Sie waren ja zuvor Mitglied des Dresdner Kreuzchores gewesen.
 
Ja, und dort wächst man im Bewusstsein auf, dass man der Mittelpunkt der Musikwelt ist und dass es außerhalb nichts anderes gibt. Und mit dieser Denke bin ich auch nach Windsbach gekommen. Am Anfang habe ich mich schon ein wenig über die sagen wir mal legere Blattsingkompetenz gewundert; aber die Probenarbeit und die Konzerte waren doch meilenweit von dem entfernt, was wir in Dresden damals abgeliefert hatten. Und das lag natürlich am Chorleiter in Windsbach: Karl-Friedrich Beringer ist in meinen Augen ein Jahrhundertmusiker. Als Kind oder Jugendlicher kann man das natürlich nicht so ausdrücken, aber man spürt, dass man hier etwas ganz Besonderes erlebt. Und das prägt natürlich. Was natürlich nicht nur von Vorteil ist, denn es ist sehr schwer, später nicht alles an dieser unbedingten Qualität zu messen; und damit tut man den anderen einfach Unrecht. Also war das für mich durchaus etwas Besonderes, mal für eine Saison als Agent zu wirken und damit durchaus etwas zurückzugeben.
 
Es war also nicht geplant, das länger zu machen?
 
Das war am Anfang zumindest keinesfalls abzusehen. Aber ich empfand es durchaus so, dass ich mich hier in den Dienst einer wirklich guten Sache stellte. Und einer sinnvollen: Hier wird Kindern und Jugendlichen so viel mit auf ihren späteren Lebensweg gegeben. Nicht umsonst heißt unser Claim: „Die Windsbacher. Mehr als Musik.“ Neben der stimmlichen und musikalischen Ausbildung lernt man Teamfähigkeit und die heute so sehr geforderten sozialen Kompetenzen, man entwickelt Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und Leistungswillen – das wird hier alles vermittelt. Natürlich hängt das mit der Person zusammen, die da vor dem Chor steht – heute wie vor 14 Jahren: Wenn die das lebt, dann ist das authentisch.
 
Wie kam es also dazu, dass aus der einen Spielzeit 14 wurden?
 
Ich denke nicht, dass man das von Windsbach aus berechnend geplant hatte. Das mit der einen Spielzeit hatte natürlich den Vorteil, dass beide Seiten ganz ungezwungen schauen und dann auch sagen können, ob es läuft oder nicht. Ich war ja nie Angestellter, sondern Vertragspartner und als solcher komplett eigenständig. Und das war auch gut so, denn ich bin ein absolut freier Geist, der wirklich das Gefühl haben muss, relativ kurz und frei handeln zu können.
 
Diesen Wesenszug hätten Sie als Kruzianer und damit Bürger der DDR sicher nicht so ausleben können.
 
Natürlich nicht: Für die Menschen damals war Sicherheit das Wichtigste, der Arbeitsplatz, die Wohnung. Aber wie heißt es im Brahms-Requiem: „Ach wie gar nichts sind doch die Menschen, die so sicher leben“. Ich wollte in Windsbach auch den Eindruck haben, nicht gefesselt und gefangen zu sein. Keiner sollte mir sagen dürfen, wann ich da zu sein oder bei welchem Konzert ich dabei zu sein hatte. Diese vertrauensvolle Arbeit hat sehr gut geklappt, weswegen es mir auch nicht ganz so leichtgefallen ist, meinen Entschluss in die Tat umzusetzen.
 
In den 14 Jahren haben Sie unglaublich viele, unterschiedliche und spannende Konzerte akquiriert. Erinnern Sie sich noch an das erste?
 
Das war im Festspielhaus Baden-Baden in der Vorweihnachtszeit. Und da wurde mir einmal mehr so richtig klar, wie unkompliziert meine Arbeit ist, wenn ich es mit Profis zu tun habe. Da gehen zwei, drei Mails hin und her und dann steht das Konzert – mit einer tollen Besetzung und einem tollen Orchester. Und mit einem tollen Honorar für den Chor! Diese Erfahrung war wunderbar, das werde ich nie vergessen – das ist einfach toll. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Konzerte, wo unglaublich viel Zeit und Manpower, Diskussionen und Überzeugungsarbeit von Nöten sind, bis da wirklich mal ein Vertrag unterschrieben ist – eben auch, weil die andere Seite nicht primär im Veranstaltungssektor tätig ist.
 
Gibt es Erlebnisse und Erinnerungen, die Sie ganz besonders getragen haben?
 
Ja, wobei das, was sich mir hier am meisten eingeprägt hat, nicht primär mit einem Konzert zu tun hat. 2007 sind wir gemeinsam mit dem Jerusalem Baroque Orchestra nach Polen gereist. Und dort haben wir mit unseren Männerstimmen und dem Manager des Orchesters Aharon Kidron die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Auschwitz besucht. Die Choristen und Orchestermusiker waren damals ganz alleine dort, wo wir schließlich auch eine musikalische Andacht abhielten – ebenfalls nur für uns, ohne Presse oder Öffentlichkeit. Das war deswegen unglaublich nahegehend, weil Aharon selbst in Auschwitz Häftling war und dort seine ganze Familie verloren hatte. Er zeigte uns, wo „seine“ Baracke stand, die Baracke 45; nebenan waren die Zigeuner inhaftiert. Und jeden Abend machten sie Musik, weil man ihnen versprochen hatte, am nächsten Tag wieder freigelassen zu werden – natürlich war das eine Lüge. Dann kamen wieder andere, denen man das Gleiche erzählte, und die sich dann wieder so freuten. Wie Aharon das erzählte, war sehr berührend: auf der einen Seite von einer großen Traurigkeit, auf der anderen Seite aber ohne jeden Groll uns als Deutschen gegenüber. Natürlich war jedem klar, dass unsere Männerstimmen nichts mit den Verbrechen von früher zu tun hatten – aber ich denke, dass dieses Erlebnis jeden einzelnen die Verantwortung dafür spüren ließ, dass sich so etwas nicht wiederholt. Gerade hier haben unsere Jungs für ihr Leben etwas ganz Entscheidendes mitbekommen. Und nochmals: Diese „Veranstaltung“ war ganz intim, nur für uns und deshalb so prägend in der Erinnerung. Wir wollten auch bewusst keine Pressemeldungen oder Bilder versenden. Diese Veräußerlichungen waren uns damals fremd.
 
Konzertreisen mit ihren ganz eigenen Erlebnissen sind das eine. Gab es auch in der Heimat so beeindruckende Erfahrungen?
 
Das war im Frühjahr 2005, als die Kampagne gegen Chorleiter Beringer lief. Zwei Wochen hatte er damals sein Amt ruhen lassen. Der erste Auftritt danach war die Motette in St. Lorenz, proppenvoll, der Chor hatte von vorne gesungen und war abgetreten. Und als Beringer das auch machen wollte, schloss sich plötzlich der Kreis vorne vor ihm. Und die Gemeinde hat ihn nicht rausgelassen und ihm zu verstehen gegeben: Sie gehören zu uns und müssen bitte weitermachen! Minutenlang wurde geklatscht und alle standen. Das war großartig.
 
Gab es auch unter Martin Lehmann als Nachfolger großartige Momente?
 
Ja, natürlich. Allen voran 2016 das Konzert in der Sixtinischen Kapelle in den Vatikanischen Museen in Rom. Das war unglaublich! Ich war schon mal in einem Februarmonat in den Vatikanischen Museen, da war auch wenig los und man konnte langsam durch die Sistina gehen, wurde aber trotzdem letztendlich von den Leuten durchgeschoben. Als wir mit dem Chor in Rom waren, hatten wir diesen Raum während der Proben und mit dem anschließenden Konzert aber sozusagen für uns. Da konnten wir auf die kleine Seitenempore gehen, wo Josquin des Prez die Messen begleitet und seinen Namen eingeritzt hat; wir konnten das Deckengemälde von Michelangelo ganz in Ruhe und detailliert betrachten und waren in der Privatkappelle des Papstes. Auch gibt es im Petersdom einen „Probenraum“, der so groß wie eine Kirche bei uns ist, mit zwei Emporen und Orgeln sowie einem riesigen Chorgestühl. Das erlebt man als „Normalsterblicher“ sicher nicht.
 
Wo Licht ist, gibt es bekanntlich auch Schatten. Gibt es etwas, was total schiefging?
 
Naja, so richtig schief, also eine komplette kurzfristige Konzertabsage aufgrund widriger äußerer Umstände, gab es in diesem Sinne nicht. Aber die Südamerikatournee 2004 hatte schon hohen Unterhaltungswert. Herr Beringer drückte mir sechs Wochen vorher einen Ordner in die Hand und sagte, da müsste ich mich gar nicht drum kümmern, es sei alles schon organisiert und ich sollte mich schon mal um die Akquise für die kommenden Jahre kümmern. In diesem Ordner waren zwei Seiten: Auf dem einen Blatt stand die Finanzierung, auf der anderen die Flugverbindung mit der Varig, der damaligen brasilianischen Fluggesellschaft. Ich hatte bei der Agentur in Rio angerufen, aber da war man mit einem Ballett unterwegs und ich solle im Oktober anrufen. Eine Arbeitserlaubnis bräuchten wir nicht, das liefe alles unter Kulturaustausch und wir würden in Schulen auftreten. Ich sagte aber, dass uns das niemand bei der Einreise glaubt, wenn rund 130 Leute als Chor und Orchester einreisen. In dieser Zeit ging dann auch die Varig pleite und innerhalb Brasiliens stimmte nicht eine einzige Flugverbindung! Wir sind mehrmals nach einem späten Konzert um eins ins Bett, um dann um drei wieder auszustehen und zum Flughafen gefahren, wobei dann gar nicht mal sicher war, ob die Maschine überhaupt fliegt. Das möchte ich genauso wenig noch mal erleben wie den Dezember 2010, wo wir acht Weihnachtsoratorien von München bis Amsterdam und dann noch mittendrin Adventslieder im Schloss Bellevue beim Bundespräsidenten zu singen hatten. Keines der acht Konzerten fand in der vertraglich vorgesehenen Form statt: Wir hatten immer andere Solisten, zum Teil sagte zwei Stunden vor dem Konzert jemand ab oder musste nach Hause fahren, weil die Leistung nicht stimmte. Und von Berlin flog nur das Orchester mit ein paar Männerstimmen Richtung Amsterdam und der Rest vom Chor kam witterungsbedingt nicht weiter, so dass für das Konzert im Concertgebouw sogar noch ein anderer Chor organisiert werden musste. Auf so was hat man aber einfach keinen Einfluss und kann nichts erzwingen. Für alles entschädigen allerdings die tolle Leistung der Jungs und die wunderbare Musik, die Karl-Friedrich Beringer gemacht hat und Martin Lehmann macht.
 
Was macht für Sie die „Marke Windsbach“ aus? Was ist das beste „Verkaufsargument“ einem Konzertveranstalter gegenüber?
 
Dass mit Ernst Musik gemacht wird. Die Jungs identifizieren sich vollkommen mit der Musik. Und zwar unabhängig davon, ob das nun im Petersdom in Rom ist oder beim berühmten Kartoffelsingen in Immeldorf. Das ist auch wichtig für die Lebensphilosophie, die sie später mitnehmen sollten: Es kommt nicht auf die Äußerlichkeiten, sondern darauf an, die Dinge zu durchdringen. Es gibt keine Routineauftritte. Dieser unbedingte Wille, das macht Windsbach aus. Als weiteres „Verkaufsargument“ gilt: Wo die Windsbacher draufstehen, sind auch die Windsbacher drin. Wir haben nur den einen Chor und die Veranstalter bekommen daher immer die erste Besetzung. Aber das wissen sie auch: Der Chor ist bekannt und man weiß, wenn man den Chor engagiert, hört man Qualität.
 
Und das ja durchgängig, auch über den Chorleiterwechsel hinaus. Denn Sie haben ja durchaus einen Anteil daran, dass Martin Lehmann, wie Sie auch ein ehemaliger Kruzianer, vor dem Chor steht.
 
Naja, ich bin nun nicht vollumfänglich verantwortlich dafür, dass Martin Lehmann der Leiter der Windsbacher geworden ist. Schließlich gab es da eine hochkarätige Auswahlkommission und die Meinung unserer Jungs war uns ebenfalls wichtig. Allerdings hatte ich ihn im Oktober 2010, als wir das Brahms-Requiem in der Philharmonie in Essen gesungen haben, eingeladen, sich das mal anzuhören. Und eigentlich sagte ich ihm dann nur, dass bald für die frei werdende Stelle Bewerbungsschluss ist.
 
Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie Windsbach verlassen?
Mir werden die Jungs fehlen. Als Agent bin ich jetzt nicht jeden Tag 24 Stunden vor Ort, aber auf Konzerten und während der Tourneen lernt man sich schon kennen und schätzen. Wir hatten viel Spaß zusammen. Und was auch toll ist: Denen kann man kein X für ein U vormachen, die spüren, ob man was kann oder nicht. Die Jungs werde ich ganz sicher vermissen. Aber auch die Damen unserer Hauswirtschaft, ganz tolle, engagierte Menschen, die eher im Hintergrund wirken, die Zimmer sauber machen, das Essen vorbereiten, unsere Hausmeister, die Verwaltung – eigentlich verlässt man hier immer auch ein Stück weit eine Familie. Und die werde ich auf jeden Fall vermissen.
 
Wenn Sie sich zum Schluss etwas für Windsbach wünschen dürften, was wäre das?
 
Die hundertprozentige Vollfinanzierung durch die Evangelische Landeskirche, damit aus dem Aushängeschild der Kirchenmusik, das Windsbach sein soll, auch etwas wird, das finanzierbar ist und wir den Gemeinden günstigere Konzerte anbieten können. Viele wollen den Chor haben, aber wir können aufgrund unserer Haushaltssituation eben nicht zum Selbstkostenpreis auftreten. Dann wünsche ich mir und dem Chor, dass die musikalische Qualität bleibt. Und dass wir stabile Nachwuchszahlen haben.
 
Interessant, dass Sie „wir“ sagen…
 
Ich durfte Windsbacher sein und das bleibt man sein Leben lang. Und ich durfte für diesen Chor arbeiten. Für beides bin ich sehr dankbar.
 
Und wir sagen vielen Dank für dieses Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft. Und vor allem: Auf Wiedersehen!
 
 

Hier ist übrigens die im Vorspann erwähnte Karikatur...smiley
 

 
Der Stich stammt von Joseph Swain (1820-1909), die Zeichnung von John Tenniel (1820-1914). Enstanden ist sie 1890 in London und befindet sich im Besitz des Deutschen Historischen Museums in Berlin.