Eigengewächs und Urgestein

WINDSBACH (11. Juli 2017). Als im vergangenen Jahr der Erzieher Rainer Ohms nach vielen Jahren Dienst in Windsbach in den Ruhestand verabschiedet wurde, war das für viele Windsbacher schier unvorstellbar. Das Sängerinternat beschäftigt eben Persönlichkeiten, die Generationen von Schülern und Sängern begleitet haben. Nun geht noch einer dieser prägnanten Köpfe von Bord: Edwin Sowisch.

Über ihn zu schreiben ist keine leichte Aufgabe. Und eine, von der man weiß, dass der Musiker, Instrumentallehrer und Stimmbildner eigentlich gar nicht möchte, dass man sie in Angriff nimmt. Doch ganz sang- und klanglos kann man einen Mitarbeiter wie Edwin Sowisch eben doch nicht verabschieden: In der Chorandacht am 11. Juli geschah das nun ganz offiziell.
 
Sowisch möchte eigentlich nichts über sich erzählen; es gehört eher zu seiner Wesensart, sein Licht sozusagen lieber unter den Scheffel zu stellen als groß über seine Geschichte und Verdienst parlieren zu wollen – und das ist ja eine durchaus sympathische Eigenschaft. Doch ohne Informationen kann ein Journalist nun mal nicht arbeiten. Auf der Suche nach Fakten stieß man zum Beispiel auf einen Beitrag im „Windsbacher Magazin“ aus dem Jahr 2016, wo Direktor Thomas Miederer langjährige Mitarbeiter portraitiert hatte – unter ihnen: Edwin Sowisch.
 
Hier wird er als „Eigengewächs“ bezeichnet, denn er war selbst Chorist in Windsbach und machte sein Abitur am Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium. Nach der Reifeprüfung studierte er Oboe. Doch statt sein Instrument zum Hauptberuf zu machen, zog es ihn nach Windsbach zurück, wo er lange Jahre als Stimmbildner arbeitete und auch für die Probenarbeit zuständig war. Der Gesamtchor war dabei nie sein Arbeitsgebiet, selbst wenn Dirigent Lehmann ihn damit mal beauftragen wollte: Sowisch übte lieber mit einzelnen Stimmgruppen, vornehmlich Alt und Tenor, um sie in Registerproben mit der Literatur und ihren Herausforderungen vertraut zu machen.
 
Thomas Miederer beschreibt Sowischs Arbeit anschaulich, schließlich habe sie oft den „Mühen des Sisyphus“ geähnelt: „Jedes Jahr sind neun- oder zehnjährige Buben innerhalb kurzer Zeit zur Konzertreife zu führen. Sie bringen zwar Begabung, aber noch keinerlei sängerische Erfahrung oder Fertigkeiten mit. Atmung und Atemkontrolle, Stimmstütze, Tongebung, Vokalformung sind einzuüben, Noten, Notenwerte, Rhythmus, Takt und Tonarten zu lernen.“ 36 Jahre lang hat sich Edwin Sowisch dieser Aufgabe gewidmet und damit länger als irgendjemand sonst im Windsbacher Chorzentrum. Auch als Instrumentallehrer war Sowisch tätig und gab Schülern Unterricht auf der Oboe.
 
In besagter Chorandacht verabschiedete Dirigent Martin Lehmann den Kollegen nun mit wertschätzenden Worten: „Von Herzen sage ich heute Dankeschön für Ihren immensen Einsatz über knapp vier Jahrzehnte als Assistent des Windsbacher Knabenchors. Sie haben als junger Sänger bei Hans Thamm erfahren, dass das Singen und Musizieren innere Bereicherung schenkt und sich folglich für den Beruf des Musikers entschieden.“ Mit Ausdauer, innerer Freude am Gesang und Liebe zur Musik habe Sowisch unzählige junge Menschen vieler Generationen an die „große Quelle, die Entdeckung der eigenen Singstimme“ herangeführt und sie durch seine Geduld und eigenes musikantisches Vorleben zur Liebe an der Musik und an den großartigen geistlichen Vertonungen gebracht.
 
Größte Verdienste habe sich Edwin Sowisch als Stimmbildner und Leiter von Registerproben erworben: „Gerade die Alt- und Tenorstimmen haben Sie gern unter Ihre Fittiche genommen und durch Ihren Enthusiasmus für die Schönheit ihrer jeweiligen Passagen sensibilisiert. Ihre bis heute sehr ausgeglichene und leichte Stimme führten Sie in ungeahnte Höhen und waren so als ‚native speaker‘ in allen Lagen zu Hause. Die großen Erfolge der Windsbacher wären ohne zart ausgeleuchtete, geschmeidige und sensibel hervortretende Mittelstimmen nicht denkbar.“
 
Mit der konstruktiven Zusammenarbeit mit Sowisch verbindet Lehmann indes auch den eigenen Werdegang in Windsbach: Nach dem Chorleiterwechsel 2012 habe ihm der an Dienstjahren Ältere selbstverständlich mit Rat und Tat zur Verfügung gestanden. Gerade im ersten Jahr nach Stabübergabe hatte man das verwaiste Stimmbildungsmitarbeiterfeld neu zu bestellen: „Ihr genauer Blick und Ihre Kompetenz halfen mir und dem Knabenchor, geeignetes Personal einzustellen und nun jüngst auch Ihr langjähriges Arbeitsfeld in geeignete Hände zu übergeben.“ Sowischs Nachfolger als Assistent des Windsbacher Knabenchors wird Alexander Rebetge, bislang zuständig für die Chorvorbereitung.
 
Martin Lehmann dankte Edwin Sowisch schließlich für seine Loyalität, sein beharrliches positives Wirken aus der („wie selbstverständlich angenommenen“) zweiten Reihe, seinen Humor und immensen Erfahrungsschatz, an dem er als Chorleiter persönlich zum Wohl des Chores profitieren und habe wachsen dürfen. „Wir schätzen uns glücklich, dass wir bis heute trotz gesellschaftlicher Veränderungen und deren Auswirkung beispielsweise auf das Singen und die Konzentration im Ringen um höchste Qualität ‚gefahrlos‘ musizieren durften“, was ebenfalls mit das Verdienst des nun scheidenden Kollegen sei.
 
Edwin Sowisch, der vom Chor ein Buch mit zahlreichen Glückwünschen und Anekdoten aktiver und vor allem ehemaliger Sänger der Windsbacher geschenkt bekam, wird der Einrichtung als Instrumentallehrer auch weiterhin zur Verfügung stehen. Mehr Zeit wird er nun für sein akribisches Hobby haben: das fachmännische Aufarbeiten der diffizilen Rohrblätter, die für das Spiel der Oboe unabdingbar sind. Zu seinen Kunden gehören professionelle Kollegen aus dem Instrumentenfach, die Sowischs Kenntnisreichtum auf diesem Gebiet ebenfalls seit langem schätzen.