Bach mal mit besonderer Note

MAINZ (12. November 2019). Wenn am 22. Dezember im Mainzer Dom Bachs h-Moll-Messe erklingt, singt nicht nur die vom Mainzer Domorchester begleitete Domkantorei, sondern auch ein Solistenquintett. Und das bietet eine Besonderheit: Drei der hier auftretenden Künstler – die Brüder Christian und Felix Rathgeber sowie Christian Rohrbach – haben in ihrer Jugend im Windsbacher Knabenchor gesungen.

Im Gespräch mit den Sängern erfährt man: Die h-Moll-Messe war auch das erste Konzert überhaupt, das sie im Chor aus Mittelfranken gemeinsam gesungen haben – vor genau 25 Jahren, im Herbst 1994: Christian Rathgeber war bereits Männerstimme, Christian Rohrbach und Felix Rathgeber sangen im Alt.
 
Die beiden Brüder wohnen mittlerweile in Mainz, Rohrbach in Nieder-Olm. Er ist Dozent an der Hochschule für Musik und tritt darüber hinaus als Altus auf, die Rathgebers (Tenor und Bass) sind freischaffende Künstler und als Solisten sowie professionelle Ensemblesänger in den besten Chören und auf den Bühnen der Welt unterwegs. Erst vor Kurzem ist Felix Rathgeber von einer Konzertreise durch Israel zurückgekehrt. Dort sangen die drei 1995 übrigens ebenfalls Bachs h-Moll-Messe mit den Windsbachern.
 
Die gemeinsame Zeit im Chor und Sängerinternat ist nun schon viele Jahre her. Und dennoch präsent, weswegen auch gar nicht lange nachgedacht werden muss, als die Frage fällt, was denn toll daran sei, Mitglied in einem so berühmten Knabenchor zu sein. Oder überhaupt in einem solchen Ensemble – schließlich gibt es in Mainz den Domchor und auch in Wiesbaden ein entsprechendes Pendant. „Man lernt, wie erfüllend das gemeinsame Singen sein kann“, beschreibt Christian Rathgeber den Erfahrungsschatz aus Noten und Singtechnik, Repertoire und Interpretation. Mit diesem Rüstzeug habe er seine sängerische Karriere gestalten können: „Das kann einem keiner mehr wegnehmen.“
 
Wie seine beiden Mitsänger auch führte sein Weg indes nicht sofort auf die Bühne: Er absolvierte zuerst eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger, sein Bruder Felix studierte Schulmusik, Christian Rohrbach Klavier und Dirigieren. Doch das Singen lässt einen eben nicht los, wenn man einmal derart professionell in einem Knabenchor mitwirken durfte. Und dort lernten die drei nicht nur die Musik kennen: Sie fanden im Kreise der Gleichgesinnten Freunde für’s Leben. „Das funktioniert natürlich auch anderswo“, sagt Felix Rathgeber. Doch im Chor, der gemeinsam gestalteten Zeit, sei das eben ganz speziell. Die Erkenntnis kommt hier allerdings erst später: „Als junger Mensch erfasst man ja gar nicht, was man dort geschenkt bekommt. Und leistet.“ Noch so etwas, was die drei in Windsbach lernten: „Der unbedingte Wille, an etwas so Großartigem mitzuwirken, wird gestärkt. Und zwar in der Gruppe.“ Die wissenschaftlich nachgewiesene Erkenntnis, dass Singen gesund ist und glücklich macht, kommt noch hinzu.

Alle drei erinnern sich also gerne an ihre Zeit im Knabenchor: an die Konzerte und an spannende Erlebnisse auf den Reisen, wo sie beispielswiese 2001 im Brandenburgischen bei den letzten Nutria-Züchtern der ehemaligen DDR im Privatquartier unterkamen. „Im Chor ist fast jedes Wochenende Klassenfahrt“, beschreibt Felix Rathgeber die großartige Gemeinschaft. Und sein Bruder fügt hinzu: „Eigentlich jeden Tag.“
 
Dass sie sich (und viele andere) 25 Jahre lang nie aus den Augen verloren haben, sehen die drei Sänger im musikalischen Kollektiv begründet. Ein Leben ohne Gesang können sie sich gar nicht mehr vorstellen. Christian Rohrbach betont: „Immer, wenn ich berufliche Entscheidungen zu treffen hatte, war klar: Aufs Singen kann und will ich dabei keinesfalls verzichten.“ Bleibt die Frage, ob er und die Rathgeber-Brüder jedem, der Talent dazu hat, das Singen im Chor und vor allem im Knabenchor empfehlen möchten. Die Antwort kommt unisono und wie aus der Pistole geschossen: „Unbedingt.“
 
Dieser Artikel ist der Auftakt einer losen Serie, in der ehemalige Windsbacher vorgestellt werden sollen, die in künstlerischen Berufen oder auf anderen Gebieten erfolgreich sind.
 
Fotohinweis: Das obere Bild zeigt Christian Rathgeber, das mittlere Felix Rathgeber und das untere Christian Rohrbach.