Zu Gast im neuen Wahrzeichen Hamburgs

WINDSBACH (31. Januar 2020). Hamburg hat zwei großartige Konzerthäuser: die Laeiszhalle und seit 2017 natürlich die Elbphilharmonie, die imposant die Szenerie des Hafens der Hansestadt überragt. Sie will neues Wahrzeichen der Stadt und ein „Kulturdenkmal für alle“ sein. Am 2. Februar sind die Windsbacher dort zu Gast, wo sie gemeinsam mit Simone Rubino musizieren.


Leider sind die Jungs nicht der erste Knabenchor, der in der Elbphilharmonie gastiert – diese Ehre kam den Regensburger Domspatzen zuteil. Doch die Neugier auf die Gäste aus Mittelfranken ist riesig: Schon bald waren die Tickets verkauft – und der große Konzertsaal, in dem die Windsbacher auftreten, fasst immerhin 2.100 Gäste.
 
Deutschland und seine Großbaustellen
Dass es die Deutschen mit Großbauprojekten nicht so haben, ist spätestens nach dem noch immer nicht fertiggestellten Berliner Flughafen „Willy Brandt“ ein offenes Geheimnis. Auch im Falle der Elbphilharmonie gab es Verzögerungen – und Verteuerungen: So stiegen die Gesamtkosten von den 2005 in einer Machbarkeitsstudie veranschlagten 186 Millionen auf 789 Millionen Euro im Jahr 2013. Geplant war die Fertigstellung anfangs für das Jahr 2010, 2017 wurde die Elbphilharmonie schließlich eröffnet. Eine Reihe von Werbespots des NDR beginnt stets mit den Worten „Das beste am Norden …“ – ein selbstironischer Clip zeigt zwei ältere Hamburger beim Anblick des Konzerthauses, die den Satz mit „… ist unsere Sparsamkeit.“ beenden.
 
Funfacts am Rande: Noch vor der Einweihung der Elbphilharmonie öffnete sie als Modell im berühmten Hamburger „Miniaturwunderland“ bereits 2013 ihre Pforten. Und auch der renommierte Flügel-Hersteller Steinway & Sons hat die Gestaltung des Konzertbaus aufgriffen: In einer gleichnamigen, limitierten Aufnahme wurden markante gestalterische Elemente wie die geschwungene Dachlinie verarbeitet, das Punkteraster der Fenster findet sich in der Innenseite des Deckels wieder, die Dachlinie im Notenpult.
 
Fraglos raufte sich nicht nur der Bund der Steuerzahler – 575 Millionen Euro zahlte allein die Stadt Hamburg am Schluss – angesichts der Finanzierung des imposanten Baus die Haare. Auch gab es zwei Parlamentarische Untersuchungsausschüsse in der Hamburger Bürgerschaft. Doch angesichts der faszinierenden Konzertstätte, die sich anschickt, mit den großen Musikhallen der Welt mitzuhalten, mag man darüber gerne bald Gras wachsen lassen und erfreut sich lieber an der großartigen Akzeptanz dieses Konzerthauses: Nicht nur der Auftritt der Windsbacher ist ausverkauft und die großen Stars der Musikszene geben sich hier die Klinke in die Hand.
 
Magnet für Hamburger und ihre Gäste
Die Elbphilharmonie steht im Sandtorhafen, einem historisch bedeutsamen Ort: 1875 wurde dort mit dem Kaiserspeicher das damals größte Lagerhaus des Hamburger Hafens errichtet. Über hundert Jahre lang wurden hier Kakao, Tabak und Tee gelagert. Auf dem Sockel des ehemaligen Kaiserspeichers erhebt sich nun der gläserne Neubau mit seiner elegant und kühn geschwungenen Dachlandschaft. Darunter befinden sich zwei Konzertsäle, ein Hotel und Appartements. Auf der Schnittstelle zwischen Speicher und Neubau gibt es mit der Plaza eine großzügige, öffentlich zugängliche Plattform, die sofort und dauerhaft zum beliebten Aussichtspunkt und Selfie-Point für Hamburger und Besucher aus aller Welt avancierte.
 
Im Großen Saal kommen sich Künstler und Publikum dank der an Weinberge erinnernden Terrassen-Architektur der Zuschauerränge sehr nah: Kein Zuhörer sitzt mehr als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Die Wandverkleidung besteht aus 10.000 Gipsfaserplatten, die gemeinsam mit einem Reflektor in der Mitte des Deckengewölbes den Klang optimal in jeden Winkel schicken und damit auf jedem Platz bestmöglichen Hörgenuss garantieren sollen. Auf den Baustoff Holz setzte man bei der Vertäfelung des 550 Sitzplätze bietenden Kleinen Saals, wobei die Platten gefräst sind. Für 170 Zuhörer (und damit ideal für Kammermusik geeignet) ist im Kaistudio Platz.
 
Problemfall Akustik?
Tumult um die Elbphilharmonie gab es jedoch nicht nur wegen der explodierenden Kosten: Der Tenor Jonas Kaufmann gastierte 2019 vor Ort mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, begleitet vom Sinfonieorchester Basel. Doch zahlreiche Konzertgäste hörten den Sänger nicht, liefen auf der Suche nach besseren Plätzen umher oder verließen den Saal. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt kritisierte Kaufmann unter anderem die akustische Planung. Die Folge war ein verheerendes wie höhnisches Medienecho.
 
Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand: Ein Künstler muss sich wie in jedem Saal auch in der Elbphilharmonie mit den akustischen Gegebenheiten vor Ort –möglichst vor dem Auftritt – vertraut machen. Und gerade hier ist nur der Direktschall entscheidend, sondern vor allem die Reflexion von den Wänden, deren Gipsplatten, nach einem per Algorithmus errechneten Schema ausgefräst wurden, damit sich Schallwellen aller Frequenzen gut im Raum verteilen.
 
„Der Saal hat eine große Transparenz und Klarheit, und ich glaube, das ist sehr wichtig, weil ein Konzertsaal heutzutage mit digitalen Aufnahmen konkurrieren muss“, sagte der verantwortliche Architekt Yasuhisa Toyota in einem Interview mit dem NDR: „Dieser Konzertsaal ist einzigartig, ganz anders als andere, in mehrerlei Hinsicht. Das bedeutet auch, dass in der Akustik alles total neu ist. Das heißt, die Musiker müssen ihrem eigenen Klang und dem ihrer Kollegen sehr sorgfältig zuhören. In dieser Hörerfahrung erleben sie den Unterschied und können sich darauf einstellen.“ Generell legt Toyota folgenden Maßstab für seine Arbeit an: „Wenn man es als Akustiker schafft, dass das Publikum die große Distanz zur Musik nicht mehr wahrnimmt, hat man gute Arbeit geleistet.“
 
Im Oktober 2019 schrieb Florian Zinnecker dann in der ZEIT über die Elbphilharmonie: Den traditionsfixierten Klassikbetrieb stelle sie allein durch ihre Existenz auf eine harte Probe, denn Werke von Brahms, Beethoven und Mahler klängen hier anders als im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, für den sie komponiert worden seien. Der Goldene Saal sei stil- und geschmacksprägend gewesen, die Elbphilharmonie sei es auch. Vor allem sattsam bekannte Werke ließen sich an diesem Ort noch einmal neu entdecken.: „Eigentlich könnte die Klassikwelt jubilieren: Was könnte für eine Branche mit so großem Hang zur Vergangenheit verlockender sein, als die Werke, die man schon zu kennen glaubt, in völlig neuem Licht zu zeigen?“ Und genau darauf darf sich das Publikum am 2. Februar freuen, wenn der Windsbacher Knabenchor mit Martin Lehmann Stücke unter anderem von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms und Max Reger musizieren wird.

[Foto: Thies Rätzke]