„Die Jungs sollen hier ihre Stimme finden“

NÜRNBERG (25. Juni 2018). Stellen Sie sich mal einen Diamanten vor: Edel geschliffen blinkt er im Licht. Bevor er jedoch zum Schmuckstein wird, ist er erst mal nur ein kristallines Mineral, das noch bearbeitet werden muss. So kann man auch die Arbeit der „Klangfänger“ beschreiben, die sich jeden Mittwoch in der Nürnberger Kirche St. Jakob sowie in Windsbach, Rothenburg und Pappenheim treffen: Buben vom Vorschulalter bis zur vierten Klasse, die in Kleingruppen etwas ganz Tolles lernen wollen: nämlich Singen.

Der Barockkomponist Georg Philipp Telemann schrieb: „Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen. Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein.“ Und darum geht es bei den Klangfängern: Hier merken die Jungs, was für einen Spaß es macht, gemeinsam zu singen. Statt Motetten wie die Windsbacher lernen sie natürlich sehr viel leichtere Lieder. „Die Jungs sollen hier ihre Stimme finden“, sagt Kirchenmusikerin Ulrike Walch, die gemeinsam mit Stimmbildnerin Silke Schrape in St. Jakob die Nürnberger Klangfänger anleitet.
 
Beide sind dabei für die Windsbacher tätig und haben eine wichtige Aufgabe: Sie haben ein Ohr darauf, ob unter den jungen Klangfängern der eine oder andere ist, der das Zeug dazu hat, vielleicht ja selbst mal ein Windsbacher zu werden. Seit Beginn der Klangfänger vor fünf Jahren hat das schon öfters geklappt. Hier wird also wichtige Nachwuchsarbeit geleistet, denn in Familien und Schulen wird immer weniger gesungen. Und auch, wenn nicht jeder Klangfänger den Sprung in den Knabenchor schafft (oder überhaupt schaffen will): Er bekommt viel mit. Und er singt!
 
Da ist zum Beispiel Xaver, der die Eignungsprüfung in Windsbach schon bestanden hat. Gemeinsam mit Elias erzählt er, wie toll es ist, bei den Klangfängern mitzumachen: „Singen macht froh – und wenn ich mal sauer bin und dann mit den Anderen Musik mache, dann denke ich da gar nicht mehr dran.“ Clemens will ebenfalls in Windsbach vorsingen. Bei den Klangfängern hat er nette Jungs kennengelernt, die wie er Spaß am gemeinsamen Singen haben, und ist begeistert dabei.
 
Dafür braucht es, wie im großen Chor, natürlich Disziplin, weiß Ulrike Walch. Doch Clemens, Elias, Xaver und die anderen haben auf jeden Fall großen Spaß, als sie die Lieder für ein Singspiel um den Hirtenjungen David lernen, das sie später im Gottesdienst in St. Jakob oder während des Tags der offenen Tür in Windsbach (dann zusammen mit den anderen Klangfänger-Gruppen) aufführen wollen. Dabei zeigt Walch den Jungs auch, wie man richtig Vokale formt und Konsonanten aus- oder abspricht. Sogar Grundlagen der Musiktheorie wie Notenwerte, Takt- und Pausenzeichen oder Intervalle werden den älteren Jungs vermittelt.
 
Während die Gruppe zusammen singt, bekommen einzelne Buben einen Stock tiefer Einzelstimmbildung: Töne nachsingen und leichte Vokalübungen. Dabei ist es ganz spannend, wie ruhig und konzentriert die Jungs dabei sind und sich sogar von herumlaufenden Kirchenbesuchern gar nicht stören lassen. „Sü-sü-sü“ singt einer und verzieht das Gesicht, weil er nicht jeden Ton trifft. Silke Schrape achtet eher darauf, dass Mund- und Bauchmuskeln entspannt sind. So klingt dieses „Sü-sü-sü“ plötzlich ganz toll – und die Augen des Knaben leuchten!