Über „die Essenz des Lebens“

Wer Windsbach nach dem Abitur verlässt, der erhält von Chorleiter Karl-Friedrich Beringer eine Mappe, in der alle Konzerte, die er als Knaben- und Männerstimme mitgesungen hat, aufgelistet sind. Bei langjährigen Windsbachern kommt da eine ganze Menge „Termine“ zusammen. Würden auch alle Solisten am Ende ihrer Karriere eine solche Mappe bekommen, wäre die des Tenors Markus Schäfer mit eine der dicksten.
 
Wie kaum ein anderer begleitet(e) er den Knabenchor als Solist kontinuierlich und über Jahre hinweg. Dabei war sein erstes gemeinsames Konzert einem sehr traurigen Anlass geschuldet: 1989 wurde der bei einem Attentat ums Leben gekommene Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, beerdigt. Der Banker war bis zuletzt ein großer Freund und Förderer des Chores. Markus Schäfer sang den Tenor in Mozarts Requiem: „Ich glaube ich bin damals eingesprungen für den erkrankten Peter Blochwitz.“
 
Hingeschickt von der Agentur hatte Markus Schäfer bis zu diesem Zeitpunkt von den Windsbachern noch nichts gehört. Ebenso wenig konnte damals geprobt werden: „Ich war frisch am Opernhaus Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf engagiert worden und kam mit meinem Auto fast nicht durch und natürlich auch etwas zu spät wegen der Sicherheits-Sperren“, erinnert sich Schäfer noch genau. Dennoch hinterließ das Konzert nicht nur auf ihn einen bleibenden Eindruck, sondern auch auf den Chor und seinen Leiter. Und um Humphrey Bogart in „Casablanca“ zu zitieren: Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…
 
Eine, die anhält. Während eines Pressegesprächs erwähnte Delf Lammers als Manager des Chores das gute Verhältnis zu vielen mitunter hoch gefragten und daher nicht gerade preiswerten Solisten, die durch die Bank weg aber immer gerne nach Windsbach kämen, wobei das Honorar nie die wichtigste Rolle spiele.
 
Einer von ihnen ist eben auch Markus Schäfer. Mittlerweile lehrt er als Gesangsprofessor an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und bestreitet als Oratorien-Sänger und lyrischer Tenor erfolgreich Konzerte. Hören wir doch mal in einen Liedabend im Rahmen des renommierten Festivals RheinVokal, bei dem auch schon die Windsbacher zu Gast waren, hinein:
 
Schuberts „Schöne Müllerin“ steht auf dem Programm im Marmorsaal des Kurhauses von Bad Ems, der Heimatstadt Markus Schäfers: Der Tenor gefällt hier mit zartem Timbre, das durch wohl bemessene Agogik und genaue Sprache flankiert und verstärkt wird. Die Wiedergabe der naturidyllischen Verse Müllers, aus dessen Feder auch die „Winterreise“ stammt, schwebt dabei im Spannungsfeld aus distanzierter Berichterstattung und engagiert erzähltem Affekt. Durch diesen Stil verleiht Schäfer seinem Liedvortrag romantische Tiefe fern jeden Kitsches. Die von Müller in seine Strophen gelegte Panharmonie ist in Wort und Ton spürbar – vor allem in den rasanten Sätzen in „Jäger“ oder „Eifersucht und Stolz“ werden die „klaffenden Hunde“ und der „leichte lose Flattersinn“ der Müllerin zum Erlebnis.
 
Ähnlich gute Kritiken kann man zuhauf auf der Internetseite seiner Kölner Agentur, dem Konzertbüro Braun, nachlesen. Schäfer selbst spart jedoch ebenso wenig mit Lob, wenn er von den Windsbachern schwärmt: „Es gibt kaum einen vergleichbaren Knabenchor mit solch einer prägnanten Intonation sowie einer derartigen perfekten Reinheit und Homogenität im Klang. Dazu die Virtuosität beim Musizieren: ein perfektes Instrument, das sich allen spontanen Eingebungen seines Meisters unterordnet.“ Der „Meister“ ist in seinen Augen übrigens Karl-Friedrich Beringer: „Er ist ein großer Musiker. Das ist das Entscheidende. Daneben zählen aber auch die unbedingte vertrauensvolle Unterstützung und Freiheit, die man als Künstler und Freund bei ihm erfährt.“
 
Oder anders gesagt: „Wenn man den Windsbacher Klang schmecken könnte, würde man sich zartes Junggemüse forte an Bechamel Crescendo mit zarten Flagoletts, danach gedeckte Sinfonie-Erdbeeren, dolce candiert, vorstellen, aber bitte piano piano verzehren.“ Das ist Schäfers Antwort auf die Frage nach dem musikalischen Geschmack der „Windsbacher“, wie er sie für eine aktuelle Präsentation des Chores formulierte.
 
Doch vom Tisch zurück ans Notenpult. Denn wie jeder Windsbacher hat auch Markus Schäfer eine fundierte Ausbildung genossen, war er selbst doch ebenfalls Chorknabe: in Bad Ems. Der Vater war dort Kirchenmusikdirektor und der „kleine Markus“ übernahm schon als Sopran die Solo-Partie in Händels „Messiah“. Heute sagt der Tenor von der Musik, dass sie „die Essenz des Lebens“ sei, die einen durch Freude und Leid tragen könne: „Wie schön, wenn man das zum Beruf machen kann.“
 
Hierfür studierte Markus Schäfer Gesang und Kirchenmusik bei Armand Mc Lane in Karlsruhe und Evelyn Dalberg in Düsseldorf, war Wettbewerbsgewinner in Berlin (Bundeswettbewerb Gesang) und Mailand (Caruso-Wettbewerb). Er besuchte das Opernstudio in Zürich und gab sein Debüt am dortigen Opernhaus, wo er auch sein erstes Engagement erhielt. Es folgten Verpflichtungen an die Hamburgische Staatsoper und die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf, wo er bis 1993 fest engagiert war. Seither führen ihn Gastspiele und Konzertreisen auf die Bühnen und Podien renommierter Opernhäuser und Festivals. Dabei tritt er oft und gerne in Mozart-Partien auf. Bevorzugt singt er aber auch Bachs Evangelisten-Partien, wie auch schon oft mit den Windsbachern.
 
Wer 1991 dabei war, erinnert sich sicherlich noch an die Fernseh- und CD-Produktion mit dem kompletten Weihnachtsoratorium bei hochsommerlichen Temperaturen und das spontane Einspringen von Markus Schäfer als Evangelist, da der eigentlich engagierte Tenor erkrankt war: Knaben- und Männerstimmen standen einen Tag lang schwitzend als Statisten im Hintergrund und hörten zu, wie Schäfer einen gelungenen Aufnahme-Marathon mit einem Rezitativ nach dem anderen hinlegte.
 
„Es begab sich aber zu der Zeit“ auf der einen und „Das Wandern ist des Müllers Lust“ auf der anderen Seite? Das Repertoire Markus Schäfers ist natürlich viel größer: „Ich interessiert nach die Alte Musik“, wobei Schäfer hier nicht nur den Stil eines Nikolaus Harnoncourt meint. In Bad Ems wurde er seine „Schöne Müllerin“ beispielsweise von Tobias Koch an einem Original-Hammerflügel begleitet. Aber auch ganz andere Musik ist für Schäfer wichtig: „Ich bin da sehr offen. Als ich vor kurzem den Boni in der ‚Cszardasfürstin‘ gesungen habe, eine klassische Operette also, war ich sehr betroffen, wie tief auch diese Musik gehen kann und wie viel Wahrhaftigkeit in der Musik ist, besonders wenn man die Umstände dieses bei Kriegsausbruch entstandenen Werkes sieht.“ Auch  der in München lebende Komponist  Wilhelm Killmayer hat es Schäfer angetan, da dieser „mit seinen Hölderlin-Zyklen eine moderne Sprache gefunden hat, die unglaubliche Stimmungen erzeugt.“
 
Im Gespräch überrascht Markus Schäfer mit einem Unterschied: „Es gibt neben der professionellen auch eine private Welt der Musik. Und die kann ganz anders sein. Ich bin ein großer Fan von Humor in der Musik, von teilweise Skurrilem, von ineinandergreifenden stilüberwindenden Elementen.“ Als Beispiel nennt er die österreichische Band „Monozil Brass“: „Deren Musiker singen auch a cappella, jodeln plötzlich unvermittelt experimentell, modern und brechen mitten in einem scheinbar gewöhnlichem Volkston in andere Welten aus.“ Als anderes Beispiel früherer Tage nennt Schäfer Frank Zappas „Mothers of Invention“. Schäfer selbst beschreibt seinen Horizont als „Crossover der heiligen ernsten mit der manchmal sehr anspruchsvollen und gar nicht so leichten unterhaltenden Musik.“
 
In Windsbach erleben die Choristen mit dem breiten Repertoire des Chores, das sich von Schütz-Motetten über Bachs Passionen und die Romantik bis zu Volksliedern spannt, ähnliches. Und noch etwas: „Unschätzbar wertvoll ist das gelernte sich Einfügen und die Intonation im Ensemble“, sagt Schäfer, rät jedoch jedem, der später mal den gleichen Weg wie er gehen möchte, dass man hart daran arbeiten muss, um die „eigene Persönlichkeit, das eigene Instrument“ zu finden: „Erfolgreich wird der, der am Ende durch sich selbst erzeugen kann.“
 
Haben wir erfahren, dass Markus Schäfer beruflich durchaus mehrgleisig fährt, trifft das auch auf den Privatmann zu: „Zielbahnhof“ dieses Portraits ist die Frage, was der Tenor macht, wenn er mal nicht singt oder unterrichtet. Und auch hier überrascht Schäfer mit: „Wenn dann mal Zeit ist, schaut er sich gerne Bilder in Museen an, liebt es Raddampfer zu fahren und Dampfloks in Aktion zu erleben, Berge zu bewandern oder mit der Schmalspurbahn zu durchqueren und ein paar Züge davon zu Hause fahren zu lassen.“ Im Gegensatz zu den Zügen der Deutschen Bahn sind die Einsätze von Markus Schäfer allerdings stets pünktlich…