Passio Secundum Matthaeum

WINDSBACH (27. Februar 2020). Martin Lehmann hat mit seinen Windsbachern bereits alle großen Chorwerke Johann Sebastian Bachs aufgeführt: die h-Moll-Messe, das Weihnachts- und Himmelfahrtsoratorium sowie die Johannespassion. Die Lücke schließt der Knabenchor jetzt mit zwei Aufführungen der Matthäuspassion in Nürnberg (3. April) und Frankfurt (4. April) sowie Konzerten im kommenden Jahr.
 
Die Matthäuspassion (BWV 244) ist das längste und umfangreichste Werk Johann Sebastian Bachs und bildet zweifelsohne einen Höhepunkt seiner kirchenjahreszeitlich gebundenen Vokalwerke. Erstmals aufgeführt wurde sie wahrscheinlich am Karfreitag des Jahres 1727, weitere Darbietungen folgten 1729 und – in einer überarbeiteten Fassung, in der schließlich die durchgängige Doppelchörigkeit eingerichtet wurde – 1736 sowie um 1742. Der Text stammt neben dem biblischen Bericht aus dem 26. und 27. Kapitel des Matthäusevangeliums von Christian Friedrich Henrici, der unter dem Pseudonym Picander auch Verfasser der meisten Kantatentexte Bachs war. Große Teile von BWV 244 sind Umarbeitungen von Partien der Trauerkantate für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen aus dem Jahr 1729, womit sich Bach einmal mehr als Meister des Parodieverfahrens erwies.
 
Der monumentale Charakter der Matthäuspassion beruht bereits auf der Besetzung mit je zwei Chören, Orchestern und Orgeln. Auslandende Chorsätze stehen am Anfang und Schluss des ersten Teils: „Kommt Ihr Töchter, helft mir klagen“ in e-Moll und „O Mensch, bewein‘ Dein Sünde groß“ in E-Dur. Der große Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ in c-Moll am Ende des zweiten Teils betont nochmals die exorbitante Dimension des Werks.
 
In der Matthäuspassion ist das komplette Formenrepertoire der barocken Musik vereint: Es gibt unterschiedliche Rezitativformen, Arien, motettische Sätze, Chöre, Choräle und Choreinwürfe sowie Mischformen, die Picanders lyrische Reflektionen mit Chorpartien kombinieren. Die Doppelchörigkeit korrespondiert dabei mit der Struktur der Textvorlage, die an exponierten Stellen des dramatischen Geschehens in Dialogform angelegt ist, so in der großen Choralfantasie im Eingangschor im Stil eines Tombeau als Wechselrede zwischen der Tochter Zion (als Allegorie auf die gläubige Seele) und der gläubigen Gemeinde; über den beiden Chören erklingt im Cantus firmus der Choral „O Lamm Gottes unschuldig“.
 
13 an entscheidenden Stellen der Handlung wiederkehrenden Choräle bilden das Gerüst für den musikalischen Zusammenhalt der Passion. Allein fünf davon erklingen in unterschiedlicher Harmonisierung auf die Weise von „Herzlich tut mich verlangen“, mehrfach vertreten sind auch die Melodien von „Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen“ und „O Welt, ich muss Dich lassen“. Acht Liedstrophen stammen dabei aus der Feder von Paul Gerhardt. Wie die Choräle kommentieren die 15 betrachtenden Arien das Passionsgeschehen, wobei einzelne Partien durchaus die Ausdruckswelt der Oper tangieren; in anderen Arien konzertieren die Stimmen virtuos mit Soloinstrumenten mit besonderer Klangfarbe wie Geige, Viola da Gamba, Oboe da caccio oder Oboe d’amore. Der dramatische Realismus barocker Affektmalerei wird in Chören wie „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“ am Schluss des ersten Teils sowie im Rezitativ „Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss“ abgebildet.
 
Das Gesamtwerk lässt sich in 15 Hauptszenen darstellen und folgt dabei der theologischen Tradition, den Passionsbericht in mehrere Akte einzuteilen. Beide Teile des Werks wurden in der barocken Karfreitagsvesper vor und nach der Predigt musiziert. Dramatisch ist die Matthäuspassion symmetrisch um einen Scheitelpunkt aufgebaut, der zwischen den beiden Turba-Chören „Lass Ihn kreuzigen“ liegt: Der Choral „Wie wunderbar ist doch diese Strafe?“, Pilatus‘ Frage „Was hat er denn Übles getan?“ und das anrührende Rezitativ „Er hat uns allen wohl getan“ sowie die anschließende Sopranarie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ symbolisieren den Sinn der Passion Jesu und damit den Kern der neutestamentarisch Botschaft.
 
Jede Person, die in der Matthäus-Passion auftritt, hat neben ihrer Rolle auch eine eigene Funktion: Der Evangelist beschreibt die Handlung in Form des „Rezitative secco“, wobei er nur vom Continuo begleitet wird. Christus wendet sich an seine Jünger und Pilatus mit einer Form zwischen Arie und Rezitativ, wobei er stets von zwei Violinen, einer Bratsche und dem Continuo begleitet wird, was dem Gesang eine tonal leuchtende Aura unterlegt. Einzig in den letzten Worten des Gekreuzigten „Eli Lama asabthani – mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ verzichtet Bach auf diesen Effekt, um die Verlassenheit Jesu zu zeigen: Sein Lebenslicht erlischt hier gleichsam auch musikalisch.
 
Judas Ischariot verkörpert mit dem Verrat Jesu die sündige Seele, Simon Petrus mit der Verleugnung und anschließende Reue den gefallenen Menschen und zerknirschten Büßer; Pilatus hingegen ist der Opportunist, der der wütenden Menge schließlich nachgibt, den Mörder Barabbas – in der Passion singt der Chor den lateinischen Akkusativ Barabbam – in die Freiheit entlässt und dabei seine Hände in Unschuld zu waschen versucht. Das tobende Volk und die Gemeinde werden von beiden Chören im polyphonen Chorrezitativ als Motette oder Fuge dargestellt.
 
Interessant ist auch in der Matthäuspassion die Frage nach Bachs Zahlensymbolik, die sich mal deutlich, mal verdeckt zeigt: Elfmal fragen die Jünger „Herr, bin ich‘s?“, als Jesu den Verrat durch einen aus ihren Reihen ankündigt – somit kommt jeder Jünger quasi einmal zu Wort. Ein anderes Beispiel ist die Anzahl der Zweiunddreißigstel-Noten in den Rezitativen „Und die Erde bebete“(18), „Und die Gräber taten sich auf“ (68) sowie „Und stunden auf viel Leiber der Heiligen“ (104): Sie entspricht den Nummern der Psalmen 18, 86 und 104, in denen von Erdbeben berichtet wird. Wie viele Werke des Barock enthält auch die Matthäuspassion diverse beschreibende Elemente: Das Zerreißen des Tempelvorhangs, das Rumoren in den Bässen, das das Beben der Erde abbildet oder die zu Boden fallenden Silberlinge, die in der Arie „Gebt mir meinen Jesum wieder“ musikalisch durch absteigende Sechzehntel-Noten der Solovioline dargestellt werden.
 
Nach Bachs Tod gelangte das Aufführungsmaterial in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel, der einzelne Chorsätze in sein Passions-Pasticcio einband, das er zwischen 1769 und 1787 mehrfach in den Hamburger Hauptkirchen aufführte. Danach geriet die Matthäuspassion in Vergessenheit und wurde erst 1829 durch Felix Mendelssohn Bartholdy erneut aufgeführt; in diesem Konzert mit der Singakademie Berlin hörte man allerdings eine um die Mehrzahl der Arien reduzierte und instrumental dem Zeitgeschmack angepassten Version des Werkes. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehörte BWV 244 zum festen Repertoire der städtischen und bürgerlichen Abonnentenkonzerte, wobei sich eine am sinfonischen Klangideal orientierte Besetzungsgröße von rund 350 Mitwirkenden etabliert hatte. Im Zuge der historisch informierten Aufführungspraxis ist man jedoch zu weit kleineren, bis hin zu solistischen Chor- und Orchesterbesetzungen zurückgekehrt.
 
Über Johann Sebastian Bach und seine Musik haben sich viele Künstler geäußert. Friedrich Nitzsche schrieb: „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion des göttlichen Bach gehört, jedes Mal mit demselben Gefühl der unermesslichen Bewunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“ Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel sagte: „Die Musik meines Vaters hat höhere Absichten, sie soll nicht das Ohr füllen, sondern das Herz in Bewegung setzen.“ Und für den Komponisten selbst war klar: „Bey einer andächtigen Musique ist alle Zeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.“
 
Die Großartigkeit dieser Musik legt den Schluss nahe, dass sie eine besondere Bedeutung hatte – und hat, was ihren festen Platz im Konzertleben dokumentiert: Sie unterstreicht die Wichtigkeit des Opfertods Christi für den gläubigen Menschen. Das christliche Postulat, der Sünder solle seine Schuld bereuen, ist jedoch nicht nur im religiösen Kontext zu verstehen, sondern berührt das menschliche Miteinander auch im Ethischen. Das erhebt Bachs Matthäuspassion zu einer der wichtigsten Kirchenmusiken, die die Herzen der Zuhörer auch heute noch immer wieder unmittelbar erreicht – und erweicht.