Denn Sie hatten sonst keinen Raum…

WINDSBACH (28. Juli 2017). Dass der Chorleiter des Windsbacher Knabenchors während der täglichen Probenarbeit im Chorzentrum so manche Baustelle zu bedienen hat, galt bisher nur im übertragenen Sinne. Nun ist das Herzstück des Sängerinternats selbst zu einer geworden: Aktuell wird das in den 1970er Jahren errichtete Gebäude kernsaniert und steht nur der Verwaltung zur Verfügung – Instrumentalunterricht und Stimmbildung wurden ausgelagert, der Chor pilgert für die Proben in die nahe Stadthalle.

„Viel Lärm um den Knabenchor“ titelte die Fränkische Landeszeitung in ihrer Ausgabe vom 8. Juli und startete die mehrteilige Serie „Baustelle mit Musik“, in der sie nicht  nur die aktuellen Baumaßnahmen am Chorzentrum, sondern das Leben in Chor und Internat mit all seinen Facetten vorstellte. Doch im Beginn ging es eben um „Bohrmaschinen, Presslufthämmer und Kreissägen“.
 
„Denn Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“, singt der Evangelist in der ersten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium – ein Stück, das jeder Windsbacher auswendig singen könnte, wenn man ihn um 3 Uhr morgens aus dem Bett scheuchen würde. Und den Inhalt dieser Stelle erfahren die Sänger derzeit am eigenen Leibe, denn auch ihr „Raum“, der Chorsaal, ist derzeit nicht nutzbar: Die Orgel wurde nach Norddeutschland verkauft, das Gestühl für den Chor und die Zuhörer entfernt, Parkett und alles andere ebenfalls – das Gebäude wird von Grund auf saniert.
 
Alles rückt zusammen
Nur Chorleiter Martin Lehmann, Manager Delf Lammers, Chorsekretärin Gaby Haupt und die für die Nachwuchswerbung zuständige Mitarbeiterin Silvia Schönauer harren aus – nebst Besprechungszimmer, Archiv und Musikbibliothek. Und sicherlich würde der Dirigent lieber einen schlecht intonierten Ton hören als den Baulärm „nebenan“. Alles andere musste weichen: Für den Instrumentalunterricht wurden schon zu Beginn des Schuljahres sieben Zimmer im Haupthaus frei gelassen; der Betsaal und ein Studiersaal wurden zu Proberäumen umfunktioniert. Zur Stimmbildung müssen die Jungs ebenfalls in ein anderes Haus, in dessen Erdgeschoss vorsorglich eine ganze Zimmerflucht nicht belegt wurde. Auch das nahe Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium hilft mit Räumen für die nachmittäglichen Klangfänger-Proben aus. Die Baumaßnahmen haben nicht nur alles gehörig durcheinandergewirbelt, sondern auch dafür gesorgt, dass alles plötzlich ein wenig näher gerückt ist.
 
Das Chorzentrum kennt jeder Windsbacher, seine eckige Architektur, die unverputzten, grauen Betonwände – ein „Kind der 1970er“ eben. Was man auch kennt: eine Heizungsanlage, die den großen Chorsaal im Winter nur dürftig heizte, wofür die großen Fensterflächen dann dafür sorgten, dass es im Sommer dort brüllend heiß wurde. Das alles wird in naher Zukunft der Vergangenheit angehören, denn die Heizungsanlage wird ebenso erneuert wie die Klimatisierung des Probensaals ermöglicht. Auch wird man den baurechtlichen Vorgaben in Zukunft gerecht: Statt eines Fluchtwegs gibt es dann zwei.
 
Im Jahr 2012 wurde der Umbau konkret ins Visier gefasst, in den Sommerferien 2015 die komplette Betriebstechnik auf Vordermann gebracht. Wohlige Wärme erzeugt nun ein modernes Blockheizkraftwerk. 677.000 Euro hat die Landeskirche für diesen ersten Bauabschnitt investiert, die Regierung von Mittelfranken beteiligte sich mit 457.000 Euro.
 
„Neues“ Zuhause kostet Geld
Die Chorsänger und der Mitarbeiterstab um Martin Lehmann freuen sich verständlicherweise auf das „neue“ Zuhause. Und während die beauftragten Firmen vor Ort ihr Bestes geben, arbeitet man in der Verwaltung des Sängerinternats ebenfalls auch Hochtouren. Denn die Sanierungsarbeiten kosten natürlich Geld: Von der Landeskirche kommen hierfür 1,1 Millionen Euro zuzüglich der Zuschüsse vom Landkreis, der Stadt Windsbach und der Regierung von Mittelfranken; auch der Bayerische Kulturfond unterstützt die Sanierung mit 550.000 Euro, so dass man aktuell über ein Volumen von 1,8 Millionen Euro verfügt. Damit sind die unbedingt nötigen Schritte der Sanierung finanziert: die Belüftung des Chorsaals, das Dach, die Fenster, der Eingangsbereich und der bereits erwähnte zweite Notausgang. Erstes Etappenziel ist es, den Chorsaal mit Beginn des neuen Schuljahres wieder nutzen zu können.
 
Um alle gewünschten Punkte realisieren zu können, werden jedoch weitere 500.000 Euro benötigt, was über Spenden akquiriert werden soll. Und in Windsbach ist man realistisch: „Wir sind in der Pflicht, das zu tun. Wir können uns nicht hinstellen und sagen, die Kirche wird es schon richten. Das wäre schwach. Der Chor wird zwar international als Spitze der evangelischen Kirchenmusik wahrgenommen, aber die Kirche hat viele andere Baustellen, die bedient werden müssen“, unterstreicht Roland Andert als Kaufmännischer Direktor: „Die meisten anderen haben keine Möglichkeit, so aktiv zu werden wie wir, weil der Knabenchor eben mehr in der Öffentlichkeit steht.“
 
Spender soll sich wiederfinden
Der Bereich, für den bisher noch nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, betrifft die 15 Unterrichtsräume im Erdgeschoss. Die frühere Haumeisterwohnung soll baulich so verändert werden, dass der Chor, wenn es die Probenarbeit verlangt, die durch Durchbrüche entstehenden Räumlichkeiten dann auch mal geteilt arbeiten kann. „Wir hoffen, dieses Defizit noch füllen zu können. Wenn wir das Geld nicht bekommen, können wir nicht sanieren“, sagt Andert. Doch so nüchtern diese Einsicht, so kreativ ist man auch, wenn es darum geht, Spendern ein mögliches Engagement schmackhaft zu machen: „Spender sollen sich bei uns wiederfinden können, etwa über Stuhlpatenschaften im Chorzentrum oder Namen für einzelne Räume“, erklärt der Kaufmännische Direktor. Auch soll es eine Spendertafel im Foyer geben.
 
In Zahlen ausgedrückt: Eine Stuhlpatenschaft im 120 Zuhörer fassenden Chorsaal – zukünftig wird diese Sitzgelegenheit dann auf einer kleinen Plakette den Namen des Spenders tragen – kostet einmalig 500 Euro; einige Plätze sind schon „verkauft“. Patenschaften für die Unterrichtsräume schlagen mit 5.000 Euro (anteilig) und 15.000 Euro (exklusiv) oder gar 40.000 Euro für einen ganzen Chorprobenraum zu Buche. Wer anonym spenden will, ist hierzu ebenso herzlich eingeladen wie die, die sich ab einem Betrag von 100 Euro mit ihrem Namen auf der Spendertafel verewigen können. Eine Aktion in diesem Umfang ist für die Windsbacher neu – man ist gespannt auf die Reaktionen.