Ein Plädoyer für das Volkslied

WINDSBACH (1. November 1019). Es schmerzt, wenn man einer Aussage zustimmen muss, die ausgerechnet von einem AfD-Politiker stammt: Die Rechtspopulisten im rheinland-pfälzischen Landtag hatten sich des Themas Volkslied angenommen und monierten, es finde viel zu wenig in den Lehrplänen der Schulen statt. Dem mag man nun mal nicht widersprechen – genauso wenig wie dem Satz: „Wer Volkslieder singt, begegnet unserer Kultur.“

Fakt ist: Es wird zu wenig gesungen in den Schulen, Kindergärten und auch Familien. Musik ist dank der allgegenwärtigen Verfügbarkeit oft nur noch ein reines Konsumgut: Das Radio dudelt und Smartphones sind heute für viele das, was für frühere Generationen der heimische Plattenschrank war. Doch statt sich auf die Musik zu konzentrieren, verkommt sie vielerorts zum Hintergrundrauschen. Wäre es nicht so traurig, könnte man über die Renaissance des Ghettoblasters in Form des Handys lachen.
 
In diesen Kontext passt eines nun eigentlich überhaupt nicht: das Volkslied. Und doch regt sich Hoffnung und man möchte fast in Anlehnung an den Vorspann der Asterix-Comics formulieren: Keiner singt und kennt mehr Volkslieder. Keiner? Nein! Denn das Sujet wird durchaus auch außerhalb zuweilen siecher Männergesangvereine gepflegt: Volksliederprogramme sind fester Bestandteil des Repertoires der großen deutschen Knabenchöre sowie vieler anderer Ensembles. Und gerne erinnert man sich an jenen 24. Juli 2014, als man die jungen Sänger aus Windsbach in der Wiesbadener Marktkirche mit „Waldesnacht“ von Johannes Brahms oder Friedrich Silchers „Aus einem kühlen Grunde“ hören durfte und mit den Tränen zu kämpfen hatte, so überirdisch schön klang das.
 
Volkslieder haben also ihren Reiz. Und ja, sie sollten wieder stärker vermittelt werden, weil man in ihnen der eigenen Kultur begegnen kann. Allerdings gilt das bitteschön für das Liedgut aller Nationen und nicht nur der deutschen. Gerade das Volkslied baut schnell eine Brücke, um sich zu treffen. Ein „Baustein“ ist hier das „Liederprojekt“ von Carus, mit dem der Stuttgarter Verlag zusammen mit dem SWR, der ZEIT sowie den Verlagen Reclam und Gabriel bereits im zehnten Jahr das Sujet immer wieder in den Fokus rückt. „Das Volkslied war, ist und bleibt mit seiner einmaligen und unauflöslichen Bindung von Wort und Musik in vieler Hinsicht ein bedeutsames, angesichts der heutigen Medienwelt und einer veränderten Musizier- und Singpraxis einer gewissen Pflege bedürftiges Kulturgut“, schrieb der Wuppertaler Germanistik-Professor Heinz Roelleke in der ZEIT zum Start des Projekts.
 
„Ziel ist es, das Singen wieder in der Gesellschaft zu verankern“, heißt es von Verlagsseite. Das verfolgt man mit Noteneditionen und CD-Einspielungen, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Spaß machen sollen. Das „Liederprojekt“ präsentiert Wiegen- und Kinderlieder, Weihnachts- und Liebeslieder. Und eben auch: Volkslieder. Exklusiv für den Musikversand jpc hat Carus gerade ein dreiteiliges CD-Set aufgelegt, das sich als „Plädoyer für das Volkslied in seiner unverfälschten und unverbrauchten Form, für die Schönheit der Melodien und die Poetik ihrer Texte“ versteht. Es tut sich also etwas!
 
Doch was ist eigentlich ein Volkslied? In Riemann-Musik-Lexikon aus dem Jahr 1882 findet sich folgende Definition: „Ein Lied, das im Volk entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in Volksmund übergegangen ist, oder endlich eins, das ‚volksmäßig‘, d. h. schlicht und leichtfasslich in Melodie und Harmonie, komponiert ist.“ Auf der anderen Seite gebe es aus wissenschaftlicher Sicht kein Volkslied, meint Michael Fischer als Leiter des Zentrums für Populäre Kultur und Musik in Freiburg: Das Volkslied sei eine Idee der Gebildeten gewesen, benennt er Dichterpersönlichkeiten wie Clemens Brentano oder Johann Gottfried Herder. Der sprach von Liedern, die vom Volk ersonnen oder im Stil des Volksgesangs verfasst seien, Volkstümliches behandelten und im Volk verbreitet sowie über einen Zeitraum hin mündlich weitergegeben worden seien.
 
Allerdings unterschied er beim Lied auch zwischen Volk und Volk: zwischen dem Gesang in der Schule und dem „Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet nicht, der schreit nur und verstümmelt“, wie man 1879 im „Handwörterbuch Tonkunst“ lesen konnte. Auch basiert Brentanos „Des Knaben Wunderhorn“ auf schriftlichen Quellen und nicht auf der Sangeskultur der damaligen Bevölkerung, Texte wurden umgedichtet: „Hier wird also eine artifizielle Ästhetik des Einfachen entworfen, die mehr nach Gelehrtenschweiß und Tinte als nach Kuhstall riecht“, unterstreicht Michael Fischer in einem Beitrag des Südwestrundfunks zu dieser Thematik.
 
So oft, wie der Begriff Volk eben genannt wurde, ist der Sprung zu einem anderen, unseligen nicht weit: völkisch. Und das rückt die angebliche Sorge der AfD-Politiker um das deutsche Liedgut sogleich in ein anderes Licht – oder träfe Schatten es nicht besser? Schließlich war es 2016 mit Frauke Petry eine Vertreterin dieser Partei, die den Begriff völkisch nicht mehr so negativ konnotiert wissen wollte. Gerade das Volkslied ist nun mal anfällig: Pflegte bis in die 1930er Jahre vor allem die Wandervogel-Bewegung die alten Volkslieder, wurden sie in der Zeit des Nationalsozialismus für Propagandazwecke missbraucht und der Satz, dass böse Menschen keine Lieder hätten, verlor für alle Zeiten seine Gültigkeit. Sicherlich stammt die Abneigung gegen das Singen auch von dieser Erfahrung, in den 1970er Jahren noch befeuert vom Philosophen Theodor W. Adorno, der meinte: „Nirgendwo steht geschrieben, dass Singen Not sei.“ Damals kehrte man sich auch in den Schulen vom Volkslied ab – die Folgen sind heute zu spüren, indem sie nicht zu hören sind.
 
Was zum Glück nicht von Dauer sein muss. Und ja auch ist: Weitere Künstler, die sich vom deutschen Volkslied inspirieren ließen, sind die Weltmusiker von Quadro Nuevo. Bei Sony, wo auch die Windsbacher ihre Aufnahmen veröffentlichen, ist jetzt eine faszinierende CD erschienen, auf der man gemeinsam mit dem Münchner Rundfunkorchester spannende Arrangements von „Am Brunnen vor dem Tore“, „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ oder „Im Frühtau zu Berge“ musiziert: Sie heißt „Volkslied Reloaded“. Im Booklet sinniert der bekannte Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch: „[Das deutschsprachige Volkslied] wurde vor den Karren nationaler Bewegungen gespannt, wurde als musikalische Zwangslektüre tausendfach von Schülern verhasst, es wurde verkitscht und verkorkst. Und jetzt wird es vor allem eins: vergessen.“ Andere Nationen pflegten ihr Liedgut, aber „das tut man bei uns nicht. Und selbst wenn man wollte, man kriegt es nicht mehr so ganz hin. ‚Ein Prosit der Gemütlichkeit‘, ja, aber viel mehr können wir aus unserem kollektiven Gedächtnis kaum abrufen.“ Auf der erwähnten CD aber gäben die Virtuosen nun „den alten Weisen ihre Würde zurück. Ohne Pathos. Weil sie Spaß daran haben sie zu spielen. Weil sie zu ihnen gehören.“ Und so pflegen auch die Jungs vom Windsbacher Knabenchor „ihre“ Volkslieder als festen Bestandteil ihres Repertoires. Und dafür wurden sie auch ganz aktuell auf ihrer Tournee durch die USA gefeiert.