Einzelne Fälle von körperlichen Misshandlungen bestätigt

Datum:
26.03.2010
Im Windsbacher Knabenchor und dem Evang.-Luth. Studienheim gab es von der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre Fälle von körperlicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch frühere Direktoren und den Chorgründer Hans Thamm, die auch das damals übliche und erlaubte Maß überschritten. Davon geht die Internatsleitung nach den bisherigen Erkenntnissen aus. „Wir bedauern dies zutiefst, entschuldigen uns und bitten um Vergebung", sagte der Leiter des Studienheims, Pfarrer Thomas Miederer. In Windsbach werde aber schon seit vielen Jahren eine andere Pädagogik praktiziert. „Unser Ziel ist es, dass unsere Schüler gute Erfahrungen mit ins Leben nehmen."

Die Erlanger Psychologin Ulrike Winkler von Mohrenfels, die seit 10 Tagen als externe Ansprechpartnerin für ehemalige Schüler zur Verfügung steht, berichtete heute im Rahmen einer Pressekonferenz über bislang 18 Anrufe. Diese hätten sich auf den Zeitraum von 1946 bis 1978 bezogen und von körperlichen Misshandlungen und psychischem Druck beim Windsbacher Knabenchor erzählt. Die Anrufer hätten über sehr unterschiedliche Erfahrungen in Chor und Studienheim berichtet und Maßnahmen auch völlig unterschiedlich erlebt, so die Psychologin. So sei für den einen Jungen eine Ohrfeige nichts Besonderes gewesen, sondern die Fortsetzung der elterlichen Erziehung,  während ein sensibler Junge dieselbe Ohrfeige viel intensiver erlebt habe. Diese Vorgänge seien in die pädagogische Praxis der damaligen Zeit einzuordnen. Darüber hinaus hätten aber zehn Anrufer von gravierenden körperlichen Misshandlungen durch drei frühere Internatsleiter und den damaligen Chorleiter Hans Thamm gesprochen. Dabei sei von Tritten gegen den Körper, Boxhieben sowie Schlägen mit dem Rohrstock die Rede gewesen. Internatsdirektor Thomas Miederer ergänzte, dass auch die zuerst von Spiegel-online geschilderten Misshandlungen sich bestätigt hätten. Ein Internatsleiter habe offenbar tatsächlich Peitsche und Rohrstock für Prügelstrafen verwendet. Für einen Tritt des Chorgründers gegen einen Schüler während eines Konzerts fanden sich dagegen bislang keine Zeugen.

Anders verhalte es sich, so Miederer weiter, mit dem Vorwurf, die Suizide dreier ehemaliger Chorsänger seien direkt auf die Erfahrungen im Windsbacher Internat zurückzuführen. Das hatten die früheren Internatsschüler Klaus Kirschner und Peter Lehmberg behauptet. Miederer zufolge lasse sich ein unmittelbarer Zusammenhang mit den Erziehungsmethoden in Windsbach nicht herstellen. Beim Suizid eines ehemaligen Schülers während seines Wehrdienstes in den 60er Jahren seien Beziehungsprobleme und Liebeskummer die Auslöser gewesen. Dies gehe nach Aussagen von Freunden aus einem Abschiedsbrief hervor. Im zweiten Fall eines Schülers der 11. Klasse Anfang der 70er Jahre lag die Ursache offenbar in einem Familienkonflikt. Der dritte Suizid ereignete sich erst drei Jahrzehnte, nachdem der Schüler das Internat verlassen hatte. In den 70er Jahren gab es einen glücklicherweise verhinderten Selbstmordversuch eines Schülers im Windsbacher Internat, bei dem der Hintergrund bisher nicht zu klären war. Miederer berichtete darüber hinaus von zwei bereits bekannten Fällen, in denen es zu sexuellen Übergriffen kam. Der erste Fall datiert aus den 1950er Jahren, der zweite aus den Jahren 2000/2001. In beiden Fällen wurde Anzeige erstattet, die Täter wurden strafrechtlich belangt. Darüber hinaus seien bislang keine Übergriffe bekannt geworden.

Miederer erkärte, Ulrike Winkler von Mohrenfels stehe auch weiter für ehemalige Schüler oder deren Angehörige als unabhängige Ansprechpartnerin zur Verfügung. Man werde auch neuen Hinweisen gründlich nachgehen. Falls Fälle noch justiziabel seien, werde selbstverständlich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.