Nächste Schritte der Aufarbeitung beim Windsbacher Knabenchor

Datum:
16.04.2010
Das Angebot eines moderierten Gesprächs für ehemalige Chorsänger und die Dokumentation der bislang vorliegenden Misshandlungsberichte sind die nächsten Schritte des Windsbacher Knabenchors bei der Aufarbeitung der Chor- und Internatsgeschichte in den 1960er und 70er Jahren. Das beschloss das Kuratorium des Chores.

Die Psychologin Ulrike Winkler von Mohrenfels, die als externe Ansprechpartnerin für ehemalige Sänger und Internatsschüler eingeschaltet wurde, berichtete dem Gremium von insgesamt 36 Anrufen, die sie bislang erreicht hätten. Vier Ehemalige äußerten sich positiv über ihre Windsbacher Zeit. Dagegen hätten 32 Anrufer über Vorfälle von 1946 bis in die 1970er Jahre berichtet, mit einem Schwerpunkt in den 1950er und 1960er Jahren. Belastet durch die Berichte wurden der Gründer des Chores, mehrere ehemalige Internatsleiter sowie einzelne Erzieher. Nach wie vor gebe es keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch.

Winkler von Mohrenfels stellte dar, dass dasselbe Ereignis je nach persönlicher Sensibilität durchaus unterschiedlich erlebt worden sei. "Während der eine gelassen berichtet, da habe es halt mal eine Watschn gegeben, wurde dieselbe Ohrfeige von einem empfindsamen Jungen bereits als massiver Übergriff erlebt", so die Psychologin. Neben körperlichen Übergriffen wie Ohrfeigen oder Prügelstrafen einerseits sowie psychischem Druck und Demütigungen andererseits, sei vor allem die Gewalt der Jugendlichen unter­einander als belastend erlebt worden. Winkler von Mohrenfels schlug vor, alle interessierten Ehemaligen zu einer nicht-öffentlichen Gesprächsrunde einzuladen, damit diese unterschiedlichen Erfahrungen ausge­tauscht werden könnten. Sie bot an, dieses Gespräch zu moderieren. Das Kuratorium des Windsbacher Knabenchors folgte ihrem Vorschlag und nannte Anfang Juli als möglichen Termin. Es wurde außerdem beschlossen, dass die vorliegenden Berichte über Misshandlungen in der nächsten Ausgabe des "Windsbacher Magazins" im Juli dokumentiert werden sollen. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Dr. Peter Barrenstein, sagte: "Es ist gut, dass die Betroffenen endlich sagen konnten, was ihnen passiert ist. Wir sind froh, dass diese Zeiten vorbei sind und in Windsbach längst andere pädagogische Richtlinien gelten."

Nach der Sitzung informierte Internatsdirektor Pfarrer Thomas Miederer die zuständige Staatsanwaltschaft Ansbach über den Stand der Misshandlungsvorwürfe. Auch das Landeskirchenamt in München wurde über die Berichte in Kenntnis gesetzt, da noch geprüft werden muss, ob eventuell disziplinarrechtliche Schritte einzuleiten sind.